Tinnitus ist immer ein Symptom – das Zeichen einer Veränderung im so genannten hörverarbeitenden System – und nie die Krankheit selbst. Der Tinnitus als Höreindruck muß von den daran gekoppelten Leiden unterschieden werden.

Im Laufe seiner Entwicklungsgeschichte war es für den Menschen lebensnotwendig, Geräusche hören und beurteilen zu können. Wurde etwas Bekanntes identifiziert und als ungefährlich bewertet, durfte sich der Mensch entspannen. Erkannte er aber ein neues Geräusch, musste er sich auf eine möglicherweise gefährliche Situation vorbereiten und blitzschnell reagieren (Flucht oder Angriff). Noch heute werden in der Hörwahrnehmung Geräusche deshalb nach folgendem, intuitiv ablaufendem Muster bewertet:

Dieses Reaktionsmuster gilt auch für den Tinnitus. Der unbekannte, meist als negativ empfundene neue Höreindruck muß zunächst eingeordnet werden und beansprucht daher die Aufmerksamkeit des Betroffenen in höchstem Grad. Ein Kreislauf setzt ein (Tinnitus-Lautheit- Bewertung-Reaktion-Tinnitusverstärkung)
Tinnitus entsteht als Folge abnormaler Aktivitäten (positive oder negative Abweichung) der Hörbahn, die in der Hörrinde als Ton oder Geräusch interpretiert wird.

Das Tinnitus-Modell nach Jastreboff/Langner
In vollkommener Stille hört jeder Ohrgeräusche. Diese Grundeigenschaft des Hörsystems kann darauf zurückgeführt werden, dass schon ohne äußere Beschallung eine relativ hohe Spontanaktivität in den Hörnerven-Fasern vorliegt. Normalerweise wird diese „statistisch unkorrelierte“ (unbestimmte, zufällige) Grundaktivität der peripheren Nerven vom Organismus als völlige Stille empfunden und als absolute Ruhe interpretiert, denn äußere Reize fehlen. Erst wenn Hörnerven-Aktivitäten korreliert auftreten, also nicht zufällig oder nicht unbestimmt sind, kann die Empfindung von Tönen, Geräusche und Klängen entstehen. Diese Überlegung ist für das Verständnis der Funktion des Noisers wichtig. Denn nach dieser Vorstellung bedeutet ja das Einspeisen von statistisch unkorreliertem Rauschen in das Hörsystem nichts anderes, als dass Ruhe hineingebracht wird.
Die Nervenzellen der verschiedenen Schaltstationen der Hörbahn bis hinauf zur Hirnrinde, wo die bewusste Wahrnehmung von Tinnitus stattfindet, sind sowohl mit den Zellen der Gegenseite als auch mit anderen Teilen des Zentralnervensystems intensiv vernetzt und wechselseitig verknüpft. Darüber hinaus liegen aber auch Nervenverbindungen zwischen der Hörbahn und einem anderen Teil des Zentralnervensystems, der sog. Formatio reticularis, vor.

Die Formatio reticularis hat die Funktion, den Schlaf-Wach-Rhythmus des Organismus zu steuern. Darüber hinaus ist sie für die Lenkung der Aufmerksamkeit verantwortlich. Der Mensch kann seine Aufmerksamkeit zu einem Zeitpunkt nur auf eine Wahrnehmung beziehungsweise einen Gedanken oder ein Tätigkeit lenken. Wie mit einem Scheinwerfer wird nur ein kleiner, begrenzter Teil der Wirklichkeit in den hellen Lichtkegel der Aufmerksamkeit getaucht, der überwiegende Teil bleibt im Dunklen oder Halbschatten außerhalb des Lichtkegels der.
Es bestehen intensive Verknüpfung der Hörbahn mit dem Limbischen System, einer weiteren Struktur des Zentralnervensystems. Dieses ist verantwortlich für die Wertung eingehender Reize. Ob ein Klang angenehm oder grässlich, lieblich oder bedrohlich erscheint, hängt vom Limbischen System ab. Das gilt für alle Sinne. Die rein physikalischen Eigenschaften eines Reizes, wie Stärke, Dauer, Tonhöhe oder Farbe, sind für den Organismus eigentlich wertfrei, neutral. Erst durch die Verknüpfung mit dem Limbischen System wirkt das Süße angenehm, das Schrille abstoßend. Im Limbischen System ist die Lernerfahrung vieler Jahre (und Jahrtausende!) repräsentiert. Bei jedem neuen Reiz wird diese Erfahrung in der Wertung des Organismus aktuell zum Ausdruck gebracht. (z.B. verbrannte Kartoffeln riechen lecker, weil sie wie bei Muttern schmecken, das Schreien eines Babys klingt für Eltern schön, für andere ist es nervig).

Für die Erklärung, warum der chronische Tinnitus eine so schwere Erkrankung ist, sind die Verbindungen der Hörbahn mit der Formatio reticularis und dem Limbischen System von entscheidender Bedeutung.

Eine prinzipielle Eigenschaft der zentralen Nervennetze in der Hörbahn und in anderen Sinneskanälen ist die laterale Hemmung. Hierunter versteht man die Tatsache, dass Nervenzellen Erregungen zwar vorwärts weiterleiten, zu den Seiten hin jedoch hemmende Wirkung auf die Nachbarzellen ausüben. Dies hat normalerweise eine Kontrastverschärfung des jeweils wahrgenommenen zur Folge. Werden nämlich im Bereich des Signaleingangs versch. Starke und schwache Signale auf die Kanäle verteilt, so kommen am Signalausgang nur die stärksten Signale kontrastverschärft heraus. Die schwachen Signale werden von den stärkeren Nervenaktivitäten im Verlauf der Verarbeitung seitlich weggehemmt.

Normalerweise herrscht innerhalb der zentralen Nervennetze ein gut ausbalanciertes Wechselspiel zwischen Erregung und Hemmung.

Bei dem der TRT zugrundeliegenden Modell des Tinnitus geht man davon aus, dass eine beliebige kleine Einwirkung von außen dieses delikate Gleichgewicht zu stören vermag. In den Nervennetzen kann es dann zu positiven (aktivierenden, vertärkenden) Rückkopplungen kommen, so dass sich ringförmige neuronale Erregungsmuster völlig unabhängig von äußeren Reizen aufbauen und stabilisieren können. Es ist auch bekannt, dass von Reizeinflüssen getrennte („deafferentierte“) Nervenzellen spontan in rhythmische Entladungsmuster fallen können. Auf das akustische System bezogen bedeutet dies, dass Nervenzellen der peripheren Hörbahn, denen ein Teil der normalerweise vorhandenen Eingangsaktivität durch eine wie auch immer geartete Störung weggenommen wird, unter Umständen von sich aus rhythmische, korrelierte Entladungen abgeben können. Diese werden dann auf der Ebene der Wahrnehmung unter Umständen als Schallsignale, als Tinnitus empfunden. Die zentralen Anteile der Nervennetze des Hörsystems können diese Rhythmen dann regelrecht „einstudieren“ und „lernen“. Auf diese Weise ist es vorstellbar, dass sich der Tinnitus entlang der gesamten Hörbahn einschwingt. Ein Entfernen oder Beheben der ursprünglichen Störungsquelle hätte dann keine heilende Wirkung mehr. Dafür spricht auch, dass eine Hörnervtrennung in den meisten Fällen den Tinnitus nicht beseitigen kann.
Ein weiteres Grundprinzip im Zusammenhang mit einem komplexen Tinnitus ist die sog. Homöostase. Darunter versteht man das Bestreben eines Organismus, trotz einer Störung von außen möglichst unverändert gleiche Leistung abzugeben. Dieses generelle Prinzip gilt auch im Bereich der akustischen Wahrnehmung. Wie anfangs gezeigt, können durch Erkrankungen oder Medikamente ein Teil der Sinneszellen und damit auch deren Aktivität ausfallen. Die nachfolgenden Nervenzellen im unteren Teil der Hörbahn versuchen in diesem Fall, diesen Signalverlust durch eine erhöhte Verstärkungsleistung wieder wettzumachen. Auf diese Weise kann das ganze zentrale Hörsystem übersensibilisiert, instabil und unter Umständen funktionsuntüchtig werden. (vgl. Verstärkeranlage: wenn Mikrofon in der Nähe eines Lautsprechers und wenn Lautstärke hoch ist. Bei sehr hoher Verstärkungsleistung ist dann gar keine Tonquelle mehr erforderlich, damit es zu einem sog. Rückkopplungspfeifen kommt.)
Tinnitus lässt sich auf die gleiche Weise erklären: als Folge einer Überdrehung eines an sich funktionstüchtigen Schallaufnahme- und Verstärkungssystems.

Teufelskreis:
Akustische Eigenschaften eines Geräusches, wie seine Lautstärke, seine Tonlage oder seine Dauer, sind allein belanglos. Erst die dem Reiz durch das Limbische System zugeordnete Wertung macht daraus, was wir wirklich empfinden. Dies ist das Problem bei Tinnitus: Die Wertungsinstanz hat der eigentlich kleinen Störung im auditorischen System fälschlicherweise eine absolut höchste Stufe an Wichtigkeit und Gefährlichkeit zugeordnet. Der Tinnitus ist unberechtigterweise mit massiven negativen Bewertungen belegt. Er dominiert und drängt alle übrigen Empfindungen in den Hintergrund. Dies wiederum führt zu vegetativen Reaktionen wie Schlafstörungen, Nervosität, Ratlosigkeit, Verzweiflung... Die vegetativen Reaktionen ihrerseits können dann wiederum die negative Wertung verstärken.
Die unheilvolle Fehlschaltung zwischen Hörsystem und Limbischem System findet unterhalb der Bewusstseinsebene statt. Diese negative Kopplung ist daher dem Willen nicht einfach zugänglich. Der Betroffene ist nicht in der Lage, durch bewusste Entscheidungen und Handlungen einzugreifen. Ebenfalls im Unterbewusstsein (über die Formation reticularis) wird die ungeteilte Aufmerksamkeit auf diesen vermeintlich bedrohlichen Gegner gelenkt.

Habituation – der Weg aus dem Tinnitus-Teufelskreis
Der therapeutische Ansatz, der aus diesen Vorstellungen resultiert, ist die Desensibilisierung der zentralen Hörbahn gegenüber dem Ohrgeräusch. Das akustische System muß also von seiner am Tinnitus ausgerichteten Wahrnehmung allmählich wieder zurücktrainiert werden. Es gilt zudem, die gedankliche Fixierung des Betroffenen auf seinen Tinnitus zu durchbrechen.

Das Ziel
den Tinnitus von einer zerstörerischen, bedrohlichen Phantomwahrnehmung in eine belanglose Nebensache umwandeln.

Habituation
bedeutet die passive Auslöschung der Wahrnehmung und die Abschwächung der Reaktion des Organismus auf ein Reizsignal.

Wir alle kennen aus dem täglichen Leben Beispiele für diese lebenswichtige Form der Informationsreduktion (z. B. Kleidung auf der Haut wird nicht gespürt, Schallsignale wie eigene Atmung, Schlucken, Kauen werden nicht wahrgenommen). Nur neue und für die Existenz wichtige Reize kommen unter normalen Bedingungen in den Brennpunkt des wachen Bewusstseins eines Menschen.

Mit der erfolgreichen Therapie findet nicht nur eine bessere Bewältigung des wahrgenommenen Geräusches statt: Durch die gelungene ‚wieder antrainierte’ Habituation wird die Lautstärke des störenden Geräusches reduziert bzw. es verschwindet ganz.